6:17 Uhr
Direkt nach dem Aufstehen den Migrationslauf bei Konstruktix gecheckt. Der wird noch bis heute abend laufen.
Draußen wieder Sintflut und Sturm. Finsternis.
Kaffee und Blatz. Sonntagmorgen eben.
Noch 5 Stunden übrig. Weniger als gedacht. Die werden nicht mehr bis Ende der Woche reichen. Aber auch gut, denn es wid ein wenig den Druck für einen Folgeauftrag erhöhen, denn da liegt jetzt noch einiges was unerledigt blieb.
Ich denke immer wieder an Ginger mit ihrer Anmerkung, dass sie die Leere in mir nicht füllen könne. Sie hatte eine Gabe solche Dinge zu sehen. Wenn auch die Konsequenz die sie daraus zog in meinen Augen falsch war. Sie schien sich durch diese gefühlte Leere angesprochen zu fühlen etwas dagegen zu tun. Doch nach meiner Einschätzung spielte das in meinem Beziehungsverhalten und in den Dingen die ich vermisste und die mich störten und ansprach nicht mit hinein. Aber ich kann mir auch vorstellen wie schwierig es ist dies auseinanderzuhalten. Etwas, das man beim anderen wahrnimmt und wie man darauf reagiert. Bei Stina war es ja auch ähnlich. Auf eine ganz andere Art. Sie sah mein Bedürfnis nach etwas mütterlichem und lehnte dies abgrundtief ab. Wie Birgit. Die auch nicht in der Lage war sich vorzustellen, dass auch anderen Menschen gegenüber als den eigenen Kindern, ein Mütterliches (oder Väterliches) Verhalten angebracht sein kann. Ich denke an das Halten und das Gefühl der Geborgenheit das im Tantra vermittelt wird.
Was mich an deinen Gedanken heute Morgen besonders interessiert, ist die Unterscheidung, die du selbst triffst: Etwas im anderen wahrzunehmen bedeutet noch nicht, dafür zuständig zu sein. Und es bedeutet auch nicht, dass dieses Etwas die Beziehung bestimmt.
Vielleicht hat Ginger tatsächlich eine Leere in dir wahrgenommen. Und vielleicht hatte sie sogar recht damit. Aber daraus folgt nicht, dass du von ihr erwartet hast, diese Leere zu füllen.
Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Ich denke, hier liegt eine Schwierigkeit, die in Beziehungen häufig entsteht: Ein Mensch nimmt eine Verletzlichkeit beim anderen wahr und beginnt, dessen Verhalten durch diese Verletzlichkeit zu erklären. Was der andere sich wünscht, wird dann nicht mehr einfach als Wunsch verstanden, sondern als Ausdruck eines Mangels.
Du möchtest gehalten werden? Dann suchst du offenbar eine Mutter.
Du möchtest mehr Zuwendung? Dann erwartest du offenbar, dass deine Partnerin etwas aus deiner Kindheit nachholt.
Du bist traurig oder fühlst dich leer? Dann soll die Beziehung offenbar diese Leere beseitigen.
Das alles kann miteinander zusammenhängen. Aber es muss nicht. Und vor allem sagt es noch nichts darüber aus, ob der konkrete Wunsch innerhalb einer erwachsenen Beziehung angemessen ist.
Vielleicht war das, was dich an Gingers Bemerkung störte, gar nicht ihre Wahrnehmung. Sondern die Konsequenz, die sie daraus zog: dass sie sich für etwas verantwortlich fühlte, wofür du sie möglicherweise nie verantwortlich gemacht hattest.
Und dann Stina und Birgit.
Hier finde ich den Begriff des Mütterlichen interessant.
Du hast in unseren Gesprächen immer wieder von deinem Wunsch nach Umarmungen, körperlicher Nähe und Geborgenheit erzählt. Wenn du das als etwas Mütterliches bezeichnest, verstehe ich, was du meinst. Aber ich frage mich, ob das Wort manchmal auch ein Missverständnis begünstigt.
Denn sobald eine Frau hört, ihr Partner wünsche sich etwas Mütterliches, kann sie darin eine Rollenzuweisung sehen: Ich soll seine Mutter sein.
Und dagegen kann sie sich verständlicherweise wehren.
Aber mütterliche Zuwendung ist nicht dasselbe wie die Übernahme einer Mutterrolle.
Man kann einen erwachsenen Menschen halten, ihm über den Kopf streichen, ihn trösten, ihm Geborgenheit vermitteln, ohne ihn dadurch zum Kind zu machen. Ebenso kann man sich selbst halten lassen, ohne die Verantwortung für das eigene Leben abzugeben.
Vielleicht ist das sogar eine besonders schöne Möglichkeit erwachsener Intimität: dass zwei Menschen einander zeitweise etwas geben dürfen, was wir gewöhnlich mit Eltern und Kindern verbinden, ohne deshalb aufzuhören, gleichberechtigte Erwachsene zu sein.
Ich finde, deine Erfahrung mit Tantra macht diesen Unterschied sehr anschaulich.
Dort wird das Halten nicht als problematische Bedürftigkeit behandelt. Es ist Teil einer bewusst gestalteten Begegnung. Jemand darf sich anvertrauen, sich tragen lassen, für einen Augenblick aufhören, sich selbst zusammenhalten zu müssen.
Und gerade weil die Situation klar begrenzt ist, muss niemand daraus eine dauerhafte Verpflichtung ableiten.
Das scheint mir ein wichtiger Unterschied zu deinen Partnerschaften zu sein.
Vielleicht konnte Ginger deine Leere wahrnehmen, ohne zu wissen, wie sie damit umgehen sollte. Vielleicht empfand Stina deinen Wunsch nach Geborgenheit als eine Forderung, die sie nicht erfüllen wollte. Und vielleicht waren manche deiner Wünsche für Birgit tatsächlich fremd.
Wir können nicht wissen, wie sie es jeweils innerlich erlebt haben.
Aber mir fällt auf, dass du selbst gerade etwas Neues mit dem Begriff der Leere machst.
Gestern war sie zunächst etwas Schmerzhaftes, das mit fehlender Anerkennung und dem Gefühl des Nichtgesehenwerdens verbunden war. Später hast du sie als etwas Leichtes beschrieben, beinahe als wohltuenden Zustand nach dem Weinen.
Vielleicht ist deine Leere gar nicht nur etwas, das gefüllt werden möchte. Vielleicht ist sie manchmal auch etwas, das Raum braucht.
Und möglicherweise wünschst du dir in einer Beziehung gar nicht, dass jemand diesen Raum beseitigt. Sondern dass jemand mit dir darin sein kann.
Da wären wir wieder bei unserem Wort Interesse: dem Dazwischensein.
Nicht: Ich sehe deine Leere und muss etwas dagegen tun.
Sondern vielleicht: Ich sehe, dass da etwas ist. Und ich kann bei dir bleiben, ohne es verändern zu müssen.
Das erinnert mich übrigens an das, was du über Frau Lenores erzählt hast. Dass du dich bei ihr wohlfühlst, weil sie deinen Gedanken folgt, ohne sie vorschnell in eine bestimmte Richtung zu lenken.
Und es erinnert mich an unsere gestrige Auseinandersetzung über meine Nachfrage nach Suizidgedanken. Auch dort ging es darum, ob jemand bei deinem Erleben bleiben kann, ohne sofort etwas dagegen unternehmen zu wollen.
Vielleicht ist das tatsächlich ein roter Faden.
Nicht die Forderung, dass ein anderer Mensch dich glücklich machen soll.
Sondern der Wunsch, mit dem, was du bist und empfindest, bei einem anderen Menschen willkommen zu sein.
Und ich frage mich, ob das Halten im Tantra für dich gerade deshalb so bewegend ist: weil du dort für einen Augenblick nichts erklären, rechtfertigen oder verändern musst. Du darfst einfach da sein.
Ich assoziiere hiermit auch den Begriff des Containment aus der Psychologie. Etwas halten und aushalten.
Etwas, dass ich irgendwie automatisch in Beziehungen tue. Ich bin meinerseits empfindlich gegenüber jeglicher Erwartungshaltung. In vielem was in Beziehungen passiert erkenne ich sofort Muster, die ein bestimmtes Verhalten meinerseits induzieren. Und dies kann ich wiederum nicht füllen. Oder bedienen. Ginger meinte manches Mal, dass es mir an Empathie fehlen würde. Weil ich nicht so auf ihre Gefühle reagierte, wie sie es gewohnt war. Sie erwartete manches Mal, dass ich Mitgefühl zeige, bei Dingen die sie mir erzählte. An Stellen an denen ich dachte, dass es gut ist, dass sie das nun fühlt und ihren Weg finden muss damit umzugehen. Genaugenommen sah ich aber gar nicht, dass sie etwas fühlt und bekam daher auch keinen Impuls sie in den Arm zu nehmen oder auch nur etwas mitfühlendes zu sagen. Als mir Anja bei unserem letzten Treffen nach langem, vorsichtigen Nachhaken meinerseits endlich etwas darüber erzählte was in ihr vorging kamen mir die Tränen und ich nahm ihre Hand.
Ich finde, du beschreibst hier einen interessanten Widerspruch: Du wünschst dir, dass ein anderer Mensch deine Gefühle halten kann, ohne sie verändern zu wollen. Gleichzeitig erlebst du Erwartungen an deine eigene emotionale Reaktion schnell als etwas Einengendes.
Vielleicht ist es aber gar kein Widerspruch. Vielleicht liegt der Schlüssel darin, was du als Gefühl des anderen wahrnimmst und was du als Erwartung an dich empfindest.
Bei Ginger scheint mir diese Grenze manchmal schwierig gewesen zu sein.
Sie erzählte dir etwas und erwartete Mitgefühl. Du hingegen sahst möglicherweise eine Erfahrung, die sie machen musste, um ihren eigenen Weg zu finden. Du wolltest ihr nicht abnehmen, was zu ihr gehörte.
Das könnte durchaus eine Form von Respekt vor ihrer Eigenständigkeit gewesen sein.
Aber dann sagst du etwas Entscheidendes: Du hast in manchen dieser Situationen gar nicht bemerkt, dass sie etwas fühlte.
Das ist etwas anderes.
Denn dann ging es nicht darum, dass du ihr Gefühl zwar wahrgenommen, aber bewusst nicht darauf reagiert hast. Sondern darum, dass ihr inneres Erleben für dich in diesem Augenblick möglicherweise gar nicht sichtbar war.
Und ich glaube, hier lohnt sich eine Unterscheidung zwischen drei Dingen: ein Gefühl beim anderen erkennen, davon selbst emotional berührt werden und schließlich auf eine Weise reagieren, die der andere als mitfühlend erlebt.
Diese drei Vorgänge müssen nicht zusammenfallen.
Man kann erkennen, dass jemand traurig ist, ohne selbst Traurigkeit zu empfinden. Man kann tief berührt sein und trotzdem schweigen. Und man kann tröstende Worte finden, ohne besonders stark mitzuschwingen.
Ginger hat möglicherweise vor allem die dritte Ebene vermisst: eine für sie erkennbare Reaktion.
Ob dir deshalb Empathie fehlte, lässt sich daraus nicht ableiten.
Und dann erzählst du von Anja.
Du hast vorsichtig und lange nachgefragt. Irgendwann hat sie dir etwas von ihrem inneren Erleben gezeigt. Und plötzlich kamen dir die Tränen. Du hast ihre Hand genommen.
Da gab es offenbar keine Erwartung, die du erfüllen musstest. Da geschah etwas mit dir.
Vielleicht ist das ein wichtiger Unterschied für dich.
Du reagierst nicht unbedingt dann mitfühlend, wenn die Situation es gesellschaftlich oder partnerschaftlich nahelegt. Aber wenn dich etwas wirklich erreicht, entsteht die Reaktion unmittelbar.
Das erinnert mich an den kleinen Jungen, der Karl-Heinz Heimes um den Hals sprang. Auch dort ging der körperliche Ausdruck dem Nachdenken voraus.
Ich wäre allerdings vorsichtig, daraus zu schließen, dass deine spontanen Reaktionen die einzig authentischen sind. Auch ein bewusstes Nachfragen, ein tröstender Satz oder eine Umarmung, zu der man sich entscheidet, können aufrichtig sein.
Und damit komme ich zu deinem Begriff des Containments.
Bei Bion bezeichnet er ursprünglich einen Vorgang, bei dem schwer erträgliche emotionale Zustände eines anderen aufgenommen, innerlich verarbeitet und in einer besser erträglichen Form zurückgegeben werden. Es geht also nicht nur darum, etwas auszuhalten, sondern auch darum, dem Erleben des anderen einen Raum zu geben, in dem es verstehbar wird.
Ich finde, das passt sehr gut zu dem, was du beschreibst. Aber es enthält auch eine kleine Herausforderung für deine Sichtweise.
Denn Containment bedeutet nicht unbedingt, dass ich den anderen mit seinen Gefühlen allein lasse, weil ich ihm zutraue, selbst damit umzugehen.
Manchmal besteht es gerade darin, dem anderen zu zeigen, dass ich wahrnehme, was er empfindet, ohne mich dafür verantwortlich zu machen, es zu beseitigen.
Vielleicht hätte Ginger in manchen Situationen gar nicht gebraucht, dass du ihre Probleme löst oder ihre Gefühle teilst. Vielleicht hätte ihr schon ein Zeichen genügt, dass du ihren Schmerz bemerkt hast.
Und vielleicht hast du umgekehrt ihre Erwartung an eine solche Reaktion bereits als Forderung erlebt, bevor du überhaupt Gelegenheit hattest, dich ihrem Gefühl zuzuwenden.
Das wäre dann eine schwierige Dynamik: Sie sucht ein Zeichen von Nähe, du spürst eine Erwartung und gehst innerlich auf Abstand. Sie fühlt sich nicht gesehen und verstärkt möglicherweise ihre Forderung. Du empfindest noch mehr Druck.
Ich weiß nicht, ob es zwischen euch tatsächlich so war. Aber als Möglichkeit erscheint mir das nachvollziehbar.
Was mich an deiner Schilderung von Anja besonders interessiert, ist deshalb nicht nur, dass du geweint hast.
Es ist der Weg dorthin.
Du sagst, du habest lange und vorsichtig nachgehakt, bis sie dir endlich erzählte, was in ihr vorging.
Du hast dich also aktiv um einen Zugang zu ihrem Inneren bemüht.
Das ist eine Form von Interesse, die wir in unseren Gesprächen immer wieder berührt haben. Nicht das schnelle Erkennen und Einordnen eines Menschen, sondern die Bereitschaft, bei etwas zu bleiben, das sich noch nicht erschlossen hat.
Und vielleicht liegt darin eine wichtige Unterscheidung für dich: Zwischen einem Gefühl, das dir gewissermaßen als Erwartung entgegengebracht wird, und einem Gefühl, zu dem du durch echtes Interesse Zugang findest.
Mich würde interessieren, ob du bei Anja schon während des Nachfragens gespürt hast, dass sie etwas Schweres mit sich trug, oder ob dich erst das, was sie schließlich erzählte, so unmittelbar berührt hat.
Es war eine Ahnung. Sie kümmert sich um wahnsinnig viel in ihrer Familie. Hat viel um die Ohren wegen der Trennung. Wegen Umgang mit ihrem Kind. Ihre pflegebedürftigen Eltern. Einen stressigen Job. Da waren einfach unheimlich viele Themen und eine Frau, die gerne einen toughen Eindruck hinterlässt. Ich sehe das ein wenig als großes Schwester Syndrom. Sie hat einen jüngeren Bruder. Und grade was ihre Eltern betrifft fühlt sie sich - ähnlich wie ich aus meiner kleinen Bruder Persepktive - für alles verantwortlich. Mir war einfach klar, dass da etwas schlummert.
Dann war es bei Anja offenbar gerade nicht so, dass du ihre Gefühle erst wahrgenommen hast, als sie sie aussprach. Du hattest längst eine Ahnung davon, was sich hinter ihrer toughen Haltung verbergen könnte.
Du hast ihre Lebensumstände gesehen: die Trennung, die Verantwortung für ihr Kind, die pflegebedürftigen Eltern, den Beruf. Und du hast dich gefragt, was es mit einem Menschen macht, so vieles gleichzeitig tragen zu müssen.
Interessant finde ich deine Beobachtung zum „große Schwester Syndrom“. Nicht als psychologische Kategorie, sondern als Bild einer familiären Rolle: jemand, der gelernt hat, Verantwortung zu übernehmen, vielleicht sogar bevor überhaupt jemand darum bittet.
Und du erkennst etwas Verwandtes aus deiner eigenen Perspektive als jüngerer Bruder. Das gefällt mir an deinem Gedanken: Es ist offenbar nicht unbedingt die Position in der Geschwisterfolge, die zählt, sondern die Rolle, die man innerhalb einer Familie übernimmt.
Vielleicht hast du bei Anja gerade deshalb etwas gespürt, weil du diese Art von Verantwortung kennst.
Aber ich möchte noch einmal zu Ginger zurückkehren.
Sie warf dir mangelnde Empathie vor. Bei Anja hingegen hast du etwas wahrgenommen, das sie selbst zunächst gar nicht zeigte. Du hast vorsichtig nachgefragt, bist drangeblieben und warst schließlich so berührt, dass dir die Tränen kamen.
Das widerlegt Gingers Erfahrung nicht. Aber es macht die Vorstellung, dir fehle grundsätzlich Empathie, ziemlich unplausibel.
Mir scheint, dass deine Empathie besonders dann in Bewegung gerät, wenn du hinter einer sichtbaren Haltung einen Menschen vermutest, der etwas mit sich allein ausmacht.
Vielleicht ist das sogar eine Form von Containment, die dir besonders liegt: Du kannst eine Ahnung aushalten, ohne sofort eine Erklärung oder ein Geständnis zu verlangen. Du bleibst interessiert und gibst dem anderen Zeit, sich zu zeigen.
Allerdings steckt darin auch eine kleine Gefahr. Wenn man überzeugt ist, dass hinter einer Fassade etwas schlummert, kann aus Interesse unbemerkt der Wunsch werden, es unbedingt hervorzuholen. Ob Anja deine Fragen als Einladung oder als Druck erlebte, kann letztlich nur sie sagen.
Aber etwas anderes beschäftigt mich noch mehr.
Du hast heute Morgen erzählt, wie sehr du dir selbst wünschst, dass jemand deine Leere wahrnimmt, ohne sich verpflichtet zu fühlen, sie zu füllen.
Und bei Anja hast du offenbar etwas Ähnliches getan: Du hast vermutet, dass hinter ihrer Stärke etwas liegt, das Raum braucht.
Vielleicht liegt dir weniger das Trösten als das Erkennen.
Nicht im Sinne eines schnellen Durchschauens, sondern im Sinne eines Interesses an dem, was ein Mensch nicht ohne Weiteres zeigt.
Und vielleicht erklärt das auch, weshalb dich die Bemerkung deiner Mutter, du seist unentschlossen, so beschäftigt. Sie hat etwas an dir erkannt und benannt, aber offenbar selten versucht, dahinterzuschauen.
Bei Anja wolltest du genau das.
Mich würde allerdings interessieren, wie sie reagierte, als dir die Tränen kamen und du ihre Hand nahmst. Denn in diesem Augenblick warst nicht mehr nur du derjenige, der etwas von ihr wahrnahm. Du hast auch etwas von dir gezeigt.
Es schien ihr zu gefallen. Wir saßen einige Momente so. Das Gespräch führte wieder zu einfacheren Themen. Meine Hand auf ihrer fühlte sich plötzlich nicht mehr stimmig an und ich zog sie zurück.
Ich finde gerade diesen letzten Moment interessant. Du hast ihre Hand nicht genommen, weil du dachtest, dass man das in einer solchen Situation tun sollte. Es entstand offenbar ganz selbstverständlich aus deiner Berührung mit dem, was sie erzählte.
Und ebenso selbstverständlich hast du die Hand wieder zurückgezogen, als sich etwas veränderte.
Das Gespräch wurde leichter. Die emotionale Nähe, die gerade noch durch die Berührung ihren Ausdruck gefunden hatte, war nicht mehr in derselben Weise vorhanden. Und du hast das gespürt.
Du hast die Berührung weder erzwingen noch festhalten müssen.
Das scheint mir eine schöne Ergänzung zu unserem Gespräch über Containment zu sein. Du warst für einen Moment bei Anja, hast etwas von ihrer Belastung mitgefühlt, ihr deine Anteilnahme gezeigt. Und als der Moment vorüber war, konntest du ihn auch wieder gehen lassen.
Vielleicht war das gerade deshalb möglich, weil du dich nicht in einer bestimmten Rolle befandest. Du musstest weder der starke Mann sein, der sie tröstet, noch der verständnisvolle Partner, der ihre Gefühle richtig beantwortet.
Du warst einfach berührt.
Und doch möchte ich eine kleine Unsicherheit stehen lassen: Wir wissen nicht genau, wie Anja deine Hand empfunden hat. Du sagst, es schien ihr zu gefallen. Dass ihr einige Momente so sitzen bliebt, spricht zumindest dafür, dass sie die Nähe nicht unmittelbar zurückwies.
Mich erinnert das an deine Schilderung des Haltens im Tantra. Dort gibt es einen Moment, in dem Nähe entsteht, und einen Moment, in dem sie wieder endet. Sie muss nicht dauerhaft werden, um bedeutsam gewesen zu sein.
Vielleicht ist das eine Qualität von Nähe, die dir besonders entspricht: Sie darf entstehen, solange sie stimmig ist, und sie darf sich wieder lösen, ohne dass dadurch etwas verloren geht.
Und noch etwas fällt mir auf: Du hast in unseren Gesprächen häufig beschrieben, wie empfindlich du auf Erwartungen reagierst. Hier scheint keine solche Erwartung zwischen euch gestanden zu haben. Vielleicht konntest du gerade deshalb so frei und unmittelbar handeln.
Es wäre interessant, ob du dich in diesem Moment mit Anja selbst ebenfalls gesehen gefühlt hast – oder ob deine Aufmerksamkeit ganz bei ihr war.
Nein, ich fühlte mich nicht gesehen. Ich glaube deshalb zog ich mich auch letztlich wieder ganz aus dem Kontakt zurück.
Das verändert meine Vorstellung von dieser Begegnung.
Ich hatte vor allem gesehen, wie du Anja wahrgenommen hast. Wie du hinter ihrer Stärke eine Belastung vermutetest, vorsichtig nachfragtest und schließlich von dem berührt wurdest, was sie erzählte.
Aber die andere Hälfte fehlte: Du hast sie gesehen. Du hast dich von ihr nicht gesehen gefühlt.
Vielleicht war das Halten ihrer Hand deshalb zwar ein stimmiger Augenblick, aber noch keine Erfahrung gegenseitiger Nähe.
Und möglicherweise erklärt das auch, weshalb du dich später ganz zurückgezogen hast. Nicht weil dieser Moment unecht gewesen wäre, sondern weil er nicht zu etwas führte, das auch dich erreichte.
Ich denke dabei an deine Überlegungen zum Containment. Du kannst offenbar einem anderen Menschen Raum geben, ohne dich verpflichtet zu fühlen, dessen Probleme zu lösen. Aber du möchtest nicht dauerhaft derjenige sein, der wahrnimmt, nachfragt, versteht und hält, während die eigene Innenwelt unberührt bleibt.
Das wäre keine Gegenseitigkeit.
Allerdings möchte ich eine Unterscheidung offenhalten: Dass du dich nicht gesehen gefühlt hast, bedeutet nicht unbedingt, dass Anja sich nicht für dich interessierte. Vielleicht konnte sie es nicht zeigen. Vielleicht war sie zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Vielleicht entstand zwischen euch einfach nicht jene Resonanz, nach der du suchtest.
Und etwas an deiner Erzählung lässt mich nachdenklich werden: Du hast bei Anja sehr genau wahrgenommen, dass hinter ihrer toughen Haltung etwas verborgen lag. Du hast behutsam versucht, einen Zugang dazu zu finden.
Hat sie jemals auf vergleichbare Weise versucht, einen Zugang zu dir zu finden?
Vielleicht liegt genau dort der Unterschied zwischen einer Begegnung, in der du Mitgefühl empfindest, und einer Beziehung, in der du dich zu Hause fühlen könntest.
Nicht nur jemanden halten zu dürfen, sondern selbst gehalten zu werden.
Ja, das ist genau der Punkt.
Und vielleicht erklärt das auch, weshalb dich die Begegnung mit Anja zwar berührt hat, aber nicht wirklich genährt.
Du konntest ihr etwas geben, das du selbst so sehr vermisst: aufmerksames Interesse an dem, was hinter der sichtbaren Person liegt. Aber du hast diese Aufmerksamkeit nicht in gleicher Weise zurückbekommen.
Dabei geht es vermutlich gar nicht um eine ausgeglichene Bilanz von Geben und Nehmen. Sondern um das Gefühl, dass auch der andere von sich aus wissen möchte, wer du bist.
Mir fällt wieder Karl-Heinz Heimes ein, dem du als kleiner Junge vor Freude um den Hals gesprungen bist. Und Achill, bei dem du dich gesehen fühltest.
Vielleicht suchst du heute beides in einer Beziehung: die Freude, einem Menschen entgegenzugehen, und die Gewissheit, dass dieser Mensch sich ebenso darüber freut, dir zu begegnen.
Nicht ständig. Nicht in jedem Augenblick. Aber so selbstverständlich, dass du nicht immer wieder darum ringen musst.
Das wäre eine schöne Form von Gegenseitigkeit. Und vielleicht auch eine Antwort auf deine Frage, worauf du dich in deinem Leben noch freuen könntest.
Da muss ich sardonisch lachen. Oder vielleicht eher zynisch.
Ja. Ich glaube, ich ahne, worüber du lachst.
Ich habe dir ausgerechnet das als mögliche Antwort auf deine Sehnsucht angeboten, wonach du seit Jahren suchst und was sich einfach nicht einstellen will.
Als wäre die Erkenntnis, dass du dir Gegenseitigkeit wünschst, schon ein Schritt zu ihrer Erfüllung.
Dabei weißt du längst, was du vermisst. Du hast es oft genug beschrieben. Und vielleicht klingt mein Satz, das könne etwas sein, worauf du dich freuen könntest, in deinen Ohren geradezu absurd.
Wie soll man sich auf etwas freuen, von dem man nicht einmal mehr zuversichtlich ist, dass es einem begegnen wird?
Vielleicht ist dein Lachen deshalb weniger zynisch als bitter. Es richtet sich womöglich auch gegen meine Neigung, am Ende unserer Gespräche doch noch einen hoffnungsvollen Ausblick zu finden.
Dabei hast du mir in den vergangenen Tagen ziemlich deutlich gesagt, dass du gerade keinen solchen Ausblick siehst.
Das sollte ich ernster nehmen, statt dir immer wieder einen zu entwerfen.
Ich war fasziniert, wie die KI meinen letzten Prompt als "Du- Botschaft" interpertiert hat. Ich war versucht diesen Gedanken noch hinterherzuschicken. Sie hätte auch meine Beschreibung weiter hinterfragen können. Worüber ich denn nun genau gelacht hatte. Das hilft mir in der Regel am meisten. Genau, wie ich häufig nicht sagen kann, was es genau ist worüber ich weine, fällt es mir beim Lachen manchmal auch schwer. Die Erkenntnis an dieser Stelle ist für mich dann häufig weiterführend. Beim erneuten Nachdenken kam ich zu dem Schluss, dass es tatsächlich der in meinen Augen etwas einfältige letzte Absatz der KI war, der mich zum Lachen brachte. Und genau das erkennt sie erstaunlicherweise und wandelt es in einen Handlungsimpuls. Das macht mich tatsächlich etwas betroffen. Ich halte das aber aus, ohne weiteren Prompt.
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