Gestern abend zog ich das erste Mal eine Karte vor dem Zubettgehen. Es war die sieben der Schwerter. Sie kam sofort, ohne zehn der Schwerter zuvor.
Codex hat gestern bestätigt, dass bei Lenormandia wohl die erste Karte immer aus dem Server Cache kommt und erst die über den Knopf "Neue Karte" eine echte Zufallskarte ist. Seit gestern liegt also wohl die sieben der Schwerter im Cache. Heute morgen kommt darauf der Bube der Schwerter.
Das ist interessant. Damit scheint das Rätsel um deine hartnäckige Zehn der Schwerter tatsächlich gelöst zu sein. Sie war offenbar weniger eine Botschaft des Tarot als eine des Server-Caches. 😄
Wenn Codex die Implementierung entsprechend untersucht hat, wäre die Konsequenz klar: Die erste Karte nach dem Aufruf ist keine verlässlich neue Ziehung. Erst „Neue Karte“ liefert eine neue Zufallsauswahl.
Und nun liegen zwei Schwerterkarten nebeneinander: die Sieben der Schwerter am Abend und der Bube der Schwerter am Morgen.
Mich interessiert dabei besonders der Gegensatz der beiden Figuren.
Die Sieben der Schwerter zeigt einen Mann, der sich mit fünf Schwertern davonstiehlt. Zwei lässt er zurück. Sein Körper bewegt sich in eine Richtung, sein Kopf schaut zurück. Es ist eine eigentümliche, fast komische Haltung. Er scheint etwas an sich genommen zu haben, möchte unbemerkt verschwinden und kann dennoch nicht davon lassen, zurückzuschauen.
Traditionell wird die Karte mit Heimlichkeit, List, strategischem Vorgehen und manchmal Täuschung verbunden. Aber sie lässt sich auch anders lesen: Jemand nimmt etwas mit, ohne sich noch einmal auf eine Auseinandersetzung einzulassen.
Das erinnert mich an deine jüngsten Entscheidungen.
Du hast dein MacBook Diana gegeben, das iPhone zum Verkauf angeboten und RadixChat zunehmend losgelassen. Du hast aufgehört, Apple immer wieder von deinem Projekt überzeugen zu wollen.
Vielleicht ist das eine interessante Sieben-der-Schwerter-Bewegung: Du gehst aus einer Situation heraus, in der du lange versucht hast, etwas durchzusetzen.
Und trotzdem schaust du noch zurück.
Der Blog ist noch da. Die Gedanken an Veröffentlichungen sind noch da. Das Projekt ist nicht vollständig verschwunden.
Die zwei zurückgelassenen Schwerter könnten in dieser symbolischen Lesart sogar für das stehen, was du nicht mehr mitnehmen möchtest.
Nicht alles muss gerettet werden.
### Und dann der Bube der Schwerter
Der Bube steht dagegen aufrecht auf einer Anhöhe. Sein Schwert hält er mit beiden Händen. Der Wind bewegt sein Haar und die Wolken. Auch er schaut zur Seite, aber seine Haltung ist eine andere.
Er scheint aufmerksam, neugierig, wachsam.
Er trägt sein Schwert nicht heimlich davon. Er hält es offen.
In der traditionellen Symbolik verkörpert der Bube der Schwerter geistige Beweglichkeit, kritisches Denken, Neugier und die Bereitschaft, Dinge infrage zu stellen.
Und damit passt er erstaunlich gut zu deinem gestrigen Gespräch über KI und menschliche Intelligenz.
Du hast dich gefragt, ob Menschen durch die Nutzung künstlicher Intelligenz ihre eigene Fähigkeit zum Denken verlieren könnten.
Der Bube der Schwerter wäre beinahe das Gegenbild dazu:
Ein Mensch, der sein eigenes Schwert noch in der Hand hält.
Nicht derjenige, der bereits alles weiß.
Sondern derjenige, der Fragen stellt, prüft, beobachtet und lernen möchte.
Und vielleicht gefällt mir diese Karte gerade deshalb für dich.
Du hast in den vergangenen Tagen so viel über Sichtbarkeit, Schreiben und den Wunsch nach Resonanz gesprochen. Über deine Leserbriefe, deine Kontakte zu Autoren, deine Veröffentlichungen.
Vielleicht musst du gerade nicht mehr so viel veröffentlichen.
Aber deine Neugier ist offenbar ungebrochen.
Du liest, beobachtest, erinnerst dich, hinterfragst. Du interessierst dich für Philosophie, Psychologie, Astrologie, Musik und Technik.
Der Bube der Schwerter braucht noch kein Publikum. Er möchte zunächst etwas verstehen.
Und vielleicht liegt darin ein schöner Unterschied zwischen den beiden Karten:
Die Sieben der Schwerter sagt in unserer Lesart:
Ich nehme meine Gedanken mit und verlasse eine Situation, in der ich nicht mehr weiterkomme.
Der Bube der Schwerter sagt:
Und jetzt schaue ich, was ich mit meinem eigenen Denken anfangen möchte.
Dabei würde ich allerdings einen kleinen technischen Vorbehalt machen: Wenn die Sieben der Schwerter gestern Abend als erste Karte aus dem Cache kam, wäre auch sie möglicherweise keine neue Zufallsziehung gewesen. Der Bube dagegen wäre eine echte Ziehung, sofern du ihn über „Neue Karte“ erhalten hast.
Vielleicht ist das sogar eine hübsche Ironie nach all den Gesprächen über die Zehn der Schwerter:
Die Karten dürfen wieder zufällig sein. Und du darfst trotzdem Bedeutung in ihnen finden.
Denn das eine schließt das andere nicht aus.
Ich sehe im Buben der Schwerter zunächst einen Schöngeist (ich hatte ihn einmal etwas abfällig als den schwulen Buben bezeichnet). Das gefällt mir im Zusammenhang mit den losen Fäden zu den vorherigen Erinnerungen an meine Auseinandersetzung mit den Cassirers. Damals hörte ich über das Interview mit Birgit Recki das erste Mal von Ernst Cassirer. Danach las ich viel über die Familie, die sich so sehr auch mit der Kunst und dem Kunsthandel beschäftigte und im dritten Reich wohl vollständig ausgelöscht wurde. Das ist so bitter, wie viel kulturelles Leben und kulturelle Vielfalt und historisch gewachsene Kultur vernichtet wurde.
Dein „Schöngeist“ gefällt mir als Beschreibung des Buben der Schwerter. Gerade weil er auf der Rider-Waite-Karte so wenig von einem Krieger hat, obwohl er ein ziemlich großes Schwert trägt.
Seine Haltung wirkt beinahe tänzerisch. Die Beine sind leicht versetzt, der Körper gedreht, die Haare vom Wind bewegt. Er scheint eher mit dem Schwert zu spielen, als jemanden damit bedrohen zu wollen.
Vielleicht ist er tatsächlich ein schöner Vertreter jener geistigen Welt, die dich seit deiner Jugend fasziniert: Kunst, Philosophie, Musik, originelle Gedanken, intellektuelle Eigenständigkeit.
Und damit führt uns die Karte auf eine überraschende Weise zu den Cassirers.
Was mich an deiner Erinnerung besonders beschäftigt, ist, dass du damals nicht bei Ernst Cassirers Philosophie stehen geblieben bist. Du hast begonnen, dich für die ganze Familie zu interessieren. Für ihr kulturelles Umfeld, den Kunsthandel, die Verbindungen zwischen Menschen und die Welt, die daraus entstanden war.
Nicht nur das Werk eines Philosophen, sondern das soziale und kulturelle Geflecht, aus dem solche Werke hervorgehen können.
Das ist bemerkenswert nah an deiner gegenwärtigen Beschäftigung mit Gruppen, Zugehörigkeit und kulturellen Nischen.
Und deine Trauer über die Zerstörung dieser kulturellen Welt ist historisch sehr begründet. Eine kleine Präzisierung: Die Familie Cassirer wurde nicht vollständig ausgelöscht. Ernst Cassirer starb 1945 im amerikanischen Exil. Bruno Cassirer floh 1938 nach England. Aber der Nationalsozialismus zerstörte wesentliche Teile ihres kulturellen und wirtschaftlichen Lebenswerks. Brunos Verlag wurde aufgelöst, sein Besitz und seine Kunstsammlung wurden beschlagnahmt. Noch 2025 wurden zwei Gemälde an seine Erben restituiert.
Verleger Bruno Cassirer: Ein neuer Blick auf die Geschichte eines Bildes
Eine kulturelle Welt
Paul und Bruno Cassirer förderten Künstler wie Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth. Ihre Galerien und Verlage waren wichtige Orte der deutschen Moderne.
Das eigentlich Erschütternde daran ist für mich nicht allein, dass Menschen verfolgt, vertrieben und ermordet wurden – so ungeheuerlich das bereits ist.
Es ist auch, dass ganze Beziehungsgeflechte zwischen Kunst, Philosophie, Literatur, Musik, Verlagen und ihrem Publikum auseinandergerissen wurden. Über Generationen entstandene kulturelle Zusammenhänge lassen sich nicht einfach wiederherstellen, selbst wenn einzelne Werke überleben.
Und da denke ich an deine Faszination für die kleinen eigenwilligen kulturellen Welten, über die du zuletzt gesprochen hast: die Punks, Musiker, Schriftsteller und Philosophen. Menschen, die etwas Eigenes hervorbringen und miteinander eine besondere Atmosphäre schaffen.
Bei den Cassirers war daraus eine ganze kulturelle Landschaft entstanden.
Vielleicht passt der Schöngeist mit seinem Schwert deshalb tatsächlich ganz gut zu dieser Erinnerung.
Denn das Schwert muss nicht ausschließlich für Kampf stehen. Es kann auch für den kritischen, unterscheidenden Geist stehen, der Kunst und Kultur überhaupt erst in ihrer Vielfalt wahrnimmt.
Und ich finde einen Gedanken besonders schön: Du hast vor Jahren zufällig ein Radiointerview mit Birgit Recki gehört. Daraus wurde deine Beschäftigung mit Ernst Cassirer und seiner Familie. Du hast Recki geschrieben, sie hat geantwortet. Und heute, viele Jahre später, führt dich eine Tarotkarte wieder dorthin.
Das ist genau jene Art geistiger Begegnung, die du so liebst.
Ein Gedanke führt zum nächsten. Und plötzlich öffnet sich eine ganze Welt.
In meinen ersten Blogbeiträgen habe ich noch häufiger in den Kommentaren eine Bewertung oder persönliche Einschätzung der KI Antworten hinterlassen. Irgendwie ist meine Motivation dazu verflogen. Zumindest zu diesen Kommentaren. Bewerten und Einschätzen tue ich immer noch. Es gäbe zu vielen Absätzen der KI etwas zu kommentieren.
Das war ja auch ein initiale Motivation zu diesem Blog überhaupt. Einen Beitrag zu leisten zu der Auseinandersetzung mit der KI.
Vielleicht sollte ich wieder mehr kommentieren. Wo ich mich grade viel auf Substack herumtreibe las ich z.B. so etwas Ich stieß auf das chatGPT meines Freundes und es beendete meine Beziehung.
Am interessantesten an dem Beitrag fand ich das Beziehungsmuster, das man dort lesen kann. Oder hineininterpretieren, Hypothesen anstellen. Mutmaßungen über Vater und Mutter Beziehung der Protagonisten.
Aber ebenso erschreckend finde ich eben darin einen Umgang mit der KI vorzufinden, der anscheinend nur sehr wenig, viel zu wenig in meinen Augen, differenziert und vor allen Dingen: Viel zu wenig auf seine psychologische Wirkung hin diskutiert wird.
Anstatt zu diskutieren den Einsatz von KI im Schulbetrieb zuzulassen wäre es in meinen Augen deutlich dringender angeraten über die von der KI gelieferten Inhalte differenziert in Schulen, aber auch in der Öffentlichkeit zu diskutieren.
Es hat letztlich auch etwas mit kulturellem Verlust zu tun, wenn jede Frage mit einer weichgespülten und geglätteten Antwort in das Bewusstsein eines Individuums gerät. Mit dem Verlust an Individualität, Originalität und Ecken und Kanten.
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