Erneut ein tiefer Einblick in meine seelischen Prozesse. Weiß der Teufel warum ich das tue. Vielleicht die nächste Frage für meine Therapeutin.
Die gestrige Sitzung wirkt noch stark nach. Meine Wut, als ich am Wochenende am Hotel sah, dass mein Auto zugeparkt ist. Obwohl noch so viele Parkplätze frei waren. Ich sah es als ich Samstag nachmittags zum Spazieren aufbrach. Vermutlich war es schon seit Freitag zugeparkt. Vermutlich würde der Zuparker nicht länger bleiben als ich. Es hätte mir also eigentlich egal sein können. Aber es begann während des Spaziergangs in mir zu brodeln. Als ich zurückkehrte ging ein Grüppchen vor mir ins Hotel, das mit hoher Wahrscheinlichkeit zu dem Halter gehören musste. Ich fing an, in die Gruppe meine Beschwerde vorzutragen und während ich sprach explodierte die Wut geradezu in mir. Einer aus der Gruppe kannte den Halter tatsächlich und versprach sich zu kümmern. Ich beließ es dabei und ging in mein Zimmer.
Woher kam diese Wut?
Ich bekam es nicht zu packen.
Frau Lenores stellte mir gestern auch diese Frage.
Es war das Gefühl, dass es offensichtlich jemandem egal war was mit mir ist. Er parkte mich zu und es war ihm so egal, dass er oder sie es nicht für nötig hielt später noch einmal zu schauen, ob das Auto nun in einen freien Parkplatz gestellt werden kann. Oder noch schlimmer: Zum Zeiptunkt des Parkens waren vielleicht sogar noch Parkplätze frei, aber das war einfach egal.
Das Gefühl jemandem egal zu sein.
Das Gefühl meiner Mutter egal gewesen zu sein. Oder anderen Verwandten. Aufgewachsen in einem Umfeld, in dem es egal war, was mit mir passiert. Wie etwas für mich ist. Wie ich mich fühle. Was ich möchte oder vielleicht wollen könnte. Die vielen Grenzverletzungen, Beschämungen und Abwertungen.
Während der Sitzung kam die Erkenntnis.
Als ich wieder zu Hause war die Tränen.
Es ist vielleicht auch der Grund, warum die Einsamkeit manchmal so schwer zu ertragen ist. Das Gefühl, dass da einfach niemand ist, dem man nicht egal ist.
Es wurde mir auch noch einmal klarer, als ich mir vorstellte, dass ich beim Aufbruch zum Spaziergang eben nicht gesehen hätte, dass noch Parkplätze frei sind sondern, dass alles belegt ist. Ich hätte zumindest den Impuls sehr stark gespürt es auf sich beruhen zulassen um zu helfen. Um etwas Gutes zu tun indem ich es einfach auf sich beruhen lasse. Ich muss nicht weg. Es muss kein Stress entstehen. Ich hätte mich als Retter fühlen können. So wie früher. Ich hätte meine Bedürfnisse gar nicht erst entstehen lassen. Hätte sie geopfert um mich als Retter, als Held fühlen zu können. Hätte dadurch für mich Bedeutung bekommen und wäre dadurch in meinem Kopf zum Retter geworden.
Der gute alte Täter, Opfer, Retter Kreis.
Vielleicht beschäftige ich mich auch deshalb so gerne mit der Geburtsradix. Dort hat einfach alles Bedeutung. Oder man kann allem eine Bedeutung geben. "Egal" kommt darin als Kategorie nicht vor.
Ja. Und dein letzter Satz scheint mir fast der Schlüssel zu dem ganzen Gedankengang zu sein:
„‚Egal‘ kommt darin als Kategorie nicht vor.“
In der Radix ist nichts einfach zufällig herumstehend. Jeder Planet hat einen Ort. Jedes Haus eine Spitze. Aspekte verbinden Dinge miteinander. Selbst eine Spannung ist Beziehung. Eine Opposition sagt nicht: Diese beiden haben nichts miteinander zu tun. Im Gegenteil: Sie sagt, dass sie aufeinander bezogen sind.
Das ist fast die Gegenwelt zu dem, was du gestern bei Frau Lenores berührt hast.
Egal sein bedeutet: ohne Bezug sein.
Vielleicht ist deshalb Bedeutung für dich nicht nur ein intellektuelles Vergnügen. Sie kann etwas Emotionales leisten: Wenn etwas Bedeutung hat, ist es eingebunden. Es gehört in einen Zusammenhang. Es wird nicht einfach übersehen.
Und dadurch verstehe ich deine Wut wegen des Autos jetzt besser.
Von außen betrachtet war die Situation lächerlich klein. Du wolltest gar nicht weg. Wahrscheinlich wäre das andere Auto verschwunden, bevor du überhaupt abreisen wolltest. Es entstand kein tatsächlicher Schaden.
Aber gerade deshalb erklärt der Sachverhalt allein die Intensität deiner Wut nicht.
Der entscheidende Gedanke scheint tatsächlich gewesen zu sein:
„Dem war vollkommen egal, was mit mir ist.“
Nicht: Mein Auto ist blockiert.
Sondern:
„Meine mögliche Bewegungsfreiheit kommt in seiner Welt überhaupt nicht vor.“
Und dann explodiert etwas sehr Altes.
Das würde auch erklären, warum die Variante mit vollständig belegtem Parkplatz emotional so anders wäre. Dann gäbe es plötzlich einen Grund. Der andere braucht etwas. Er befindet sich in einer schwierigen Situation. Du kannst ihm helfen.
Und sofort entsteht Beziehung:
Er braucht einen Platz.
Ich brauche mein Auto gerade nicht.
Ich lasse ihn dort stehen.
Ich ermögliche ihm etwas.
Dann bist du nicht egal.
Du bist sogar bedeutsam.
Und da wird deine Entdeckung des Retters sehr interessant. Vielleicht besteht dessen Belohnung nicht hauptsächlich darin, moralisch überlegen zu sein. Vielleicht ist seine viel tiefere Belohnung:
Der Retter kann niemals bedeutungslos sein.
Jemand braucht ihn.
Das ist beinahe die sicherste denkbare Versicherung gegen das schwarze Loch des „Egal“.
Dann könnte tatsächlich etwas entstehen wie:
Bedürfnis wahrnehmen → zurückstellen → für den anderen sorgen → gebraucht werden → Bedeutung spüren.
Und wenn die Retterposition nicht möglich ist, weil der andere überhaupt keine Not hat, sondern schlicht rücksichtslos handelt, bleibt plötzlich nur:
Ich komme in seiner Rechnung nicht vor.
Dann gibt es nichts, wodurch du die Situation in Bedeutung verwandeln kannst.
Außer Wut.
Und auch Wut stellt Beziehung her.
Das finde ich gerade ziemlich wichtig. Denn Wut sagt:
„Du kannst mich nicht einfach ignorieren.“
Sie zwingt den anderen, dich wahrzunehmen.
Du gehst zurück ins Hotel, sprichst die Gruppe an, wirst während des Sprechens immer wütender – und plötzlich reagiert jemand. Er kennt den Fahrer. Er kümmert sich.
Jetzt existierst du in der Situation.
Vielleicht war deshalb anschließend auch keine Kontrolle mehr nötig. Du hast später nicht einmal nachgesehen, ob das Auto tatsächlich weggefahren wurde.
Das praktische Problem war offenbar gar nicht mehr so wichtig.
Du warst gehört worden.
Jemand hatte gesagt: Ich kümmere mich.
Das genügte.
Und jetzt bekommt auch deine Bemerkung über den Täter-Opfer-Retter-Kreis noch eine zusätzliche Dimension. Die Rollen können wechseln, aber alle drei haben etwas gemeinsam:
Sie sind aufeinander bezogen.
Der Täter braucht ein Opfer.
Das Opfer hat einen Täter.
Der Retter hat jemanden, den er retten kann.
Keine dieser Positionen ist egal.
Vielleicht kann deshalb sogar Konflikt so aktivierend sein, wie du neulich erkannt hast. Der imaginierte Streit über einen veröffentlichten Text. Ginger. Eva. Apple. Die Alphornisten. Der Zuparker.
Im Konflikt ist wenigstens vollkommen klar:
Ich komme im anderen vor.
Und damit wird Frieden plötzlich wieder schwieriger. Frieden kann sich, wenn niemand aktiv auf dich bezogen ist, gefährlich ähnlich anfühlen wie:
Niemand braucht mich. Niemand bekämpft mich. Niemand ruft. Niemand schreibt. Niemand meint mich.
Schwarzes Handy.
Einsamkeit.
Egal.
Vielleicht war deshalb Frau Lenores' Zettel so ungeheuer wirksam. Er hatte weder Täter noch Opfer noch Retter nötig. Sie wollte nichts von dir. Du hattest nichts für sie geleistet. Es gab keinen Konflikt.
Und trotzdem bewies dieser kleine Zettel:
Du bist in ihrem Kopf vorgekommen.
Das wäre eine völlig andere Form von Bedeutung.
Dasselbe beim jungen Kellner mit dem alkoholfreien Aperol: Daumen hoch aus der Entfernung. Kein Bedürfnis. Keine Rettung. Kein Drama.
Nur:
Ich weiß noch, dass du dieses Getränk bestellt hast. Wie ist es?
Du kommst vor.
Vielleicht sind genau deshalb diese lächerlich kleinen Mikroaufmerksamkeiten für dich so groß.
Und dann die Radix.
Ja – vielleicht ist das tatsächlich ein Teil ihrer ungeheuren Anziehungskraft für dich.
Sie bietet eine Welt, in der selbst das Schwierige nicht bedeutungslos ist.
Saturn hemmt nicht einfach: Er steht irgendwo, herrscht über etwas, bildet Aspekte.
Chiron verletzt nicht einfach: Seine Wunde bekommt eine Position und Beziehungen.
Eine Opposition ist keine Unvereinbarkeit ohne Zusammenhang, sondern eine Achse.
Selbst das, worunter man leidet, bekommt einen Platz.
Das kann ungemein tröstlich sein für jemanden, dessen tiefere Angst vielleicht weniger lautet:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
als:
„Was, wenn es einfach niemanden interessiert, was mit mir ist?“
Vielleicht liegt sogar unter deiner so häufig gestellten Frage „Bin ich eigentlich normal?“ noch diese andere:
„Bin ich lesbar?“
Kann jemand mich anschauen – Frau Lenores, eine Partnerin, ich, die Radix – und darin einen Zusammenhang erkennen?
Nicht sagen: Ach, egal.
Sondern:
„Ja. Ich sehe, wie das zusammenhängt.“
Und vielleicht ist genau deshalb dein gewissenhaftes Schreiben ebenfalls Teil derselben Bewegung.
Du machst dein Leben bedeutsam, indem du es erzählbar machst.
Nicht zwingend, weil du dich für besonders wichtig hältst.
Vielleicht gerade weil du so tief kennst, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Erleben scheinbar niemanden etwas angeht.
Das faszinierende daran ist immer wieder dieser anscheinend wirklich wahre These, dass hinter jeder Wut eine Traurigkeit steckt. Nur ist es - zumindest für mich - nahezu unmöglich alleine dahinterzukommen was das für eine Traurigkeit ist. Erst im Gespräch mit Frau Lenores wurde es mir erst kognitiv klar. Ich spürte es in dem Moment, dass in diesem "egal sein" der Trigger steckte. Später, als ich längst zu Hause war spürte ich dann erst tatsächlich die Traurigkeit darüber und konnte auch emotional einen Zusammenhang zu der Wut herstellen.
Ja. Wobei ich die These „hinter jeder Wut steckt Traurigkeit“ nicht ganz zum Naturgesetz machen würde. Wut kann auch unmittelbar aus Grenzverletzung, Bedrohung, Frustration oder Ungerechtigkeit entstehen, ohne dass sich darunter zwingend eine verborgene Trauer finden lässt.
Aber bei deiner Wut am Hotel scheint genau diese Schichtung ausgesprochen stimmig gewesen zu sein. Und interessant ist die zeitliche Abfolge:
1. Situation: Mein Auto ist zugeparkt.
2. Wut: Was für eine Frechheit.
3. Gespräch mit Frau Lenores: Demjenigen war egal, was mit mir ist.
4. Erst später zu Hause: Es macht mich traurig, jemandem egal zu sein.
Das Entscheidende ist vielleicht, dass die kognitive Erkenntnis vor dem Gefühl kam.
Du hast die Traurigkeit nicht unter der Wut „gefunden“, indem du lange genug in dich hineingespürt hast. Frau Lenores hat mit dir einen Zusammenhang hergestellt. Erst danach konnte dein Körper beziehungsweise dein emotionales Erleben offenbar hinterherkommen.
Das widerspricht ein bisschen der verbreiteten Vorstellung, man müsse nur tief genug fühlen und dann offenbare sich die Wahrheit von selbst. Bei dir scheint manchmal Verstehen eine Tür zum Fühlen zu öffnen.
Und vielleicht erklärt das auch, warum du so viel analysierst. Analyse ist dann nicht zwangsläufig eine Abwehr des Gefühls. Sie kann dein Zugangsweg zum Gefühl sein.
Das Problem entsteht vermutlich erst, wenn die Analyse niemals dort ankommt. Dann kann man zehn brillante Hypothesen über die eigene Wut entwickeln und trotzdem keinen Millimeter näher an das kommen, was weh tut.
Bei Frau Lenores geschah diesmal etwas anderes. Ihr habt lange genug gesucht, bis ein Satz auftauchte, bei dem etwas in dir reagierte:
„Es war ihm egal, was mit mir ist.“
Das war zunächst eine Erkenntnis.
Stunden später wurde daraus:
„Es tut weh, dass es Menschen egal sein kann, was mit mir ist.“
Und erst dann kamen die Tränen.
Vielleicht war deshalb das Gespräch mit ihr unverzichtbar. Alleine warst du zu dicht an der Wut. Die Wut selbst liefert schließlich bereits eine vollkommen plausible Erklärung:
Der Idiot hat mich zugeparkt, obwohl Plätze frei waren. Natürlich bin ich sauer.
Fall erledigt.
Ein anderer Mensch kann an dieser Stelle etwas tun, was man alleine schwer hinbekommt: die scheinbar ausreichende Erklärung nicht für ausreichend halten.
Ja, aber warum macht dich genau das so wütend?
Und dann noch einmal.
Und irgendwann kippt die Ebene.
Das ist auch ein schönes Beispiel dafür, was Frau Lenores kann und ich nur eingeschränkt kann. Ich kann dir zwanzig mögliche Zusammenhänge anbieten. Gerade dadurch besteht aber die Gefahr, dass wir denjenigen auswählen, der intellektuell besonders schön passt. Frau Lenores sitzt dir gegenüber. Sie hört Stimme, sieht Gesicht und Körper, erlebt dein Zögern, dein Lachen, vielleicht eine Veränderung im Blick. Und sie kann bei einem Satz verweilen, obwohl du gedanklich schon beim nächsten wärst.
Vielleicht liegt darin auch die Bedeutung deines Zettels von ihr: Ein anderer Mensch hält einen Gedanken mit dir fest.
Und deine verzögerte Traurigkeit finde ich überhaupt nicht erstaunlich. Vielleicht musste erst die Wut weg. Während der Wut lautet die Bewegung:
Nach außen. Du hast etwas mit mir gemacht.
Traurigkeit dreht die Richtung um:
Nach innen. Das hat mir wehgetan.
Die zweite Position ist erheblich verletzlicher.
Wut macht groß. Sie ließ dich sogar in eine Gruppe fremder Musiker hineinsprechen und währenddessen immer größer werden.
Traurigkeit sagt nur:
Ich möchte jemandem nicht egal sein.
Da gibt es nichts zu gewinnen, niemanden zurechtzuweisen und nichts zu reparieren.
Vielleicht kamen deshalb die Tränen erst zu Hause.
Da war der Zuparker längst fort.
Und mit ihm die Möglichkeit zu kämpfen.
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