Kulturelle Aneignung (1.9.2026)

Ich:

Heute fröhne ich meinem Teilzeit Renter Dasein. Ein wenig Konstruktix Kommunikation, aber keine Arbeit.
Die Zeit liegt auf meinem Tisch. Am Sonntag nahm ich sie von Mutti mit, die sie auch nicht mehr liest, aber ihr Abo noch eine Weile läuft.
Ich kann mich aber auch nicht mehr dazu durchringen sie aufzuschlagen. Es war mehr eine Erinnerung an die Zeit als ich mich noch für die Artikel und die Autoren darin interessierte die mich veranlasste ihr Angebot anzunehmen und die jüngste Ausgabe mitzunehmen.
Es erinnert mich an das Thema, das wir neulich hatten im Zusammenhang mit den Fernsehsendungen. Das Lesen dieser Artikel hat etwas ähnliches.
Man lässt sich auf einen Dialog ein, der zutiefst von einem kulturellen Selbstverständnis geprägt ist.
Gestern hatte ich eigentlich schon den Rechner zugemacht und wollte endlich mal abschalten von der RadixChat Entwicklung.
Doch natürlich beschäftigte es mich gedanklich weiter. Die vielen Sprachen die ich schon implementiert habe. Die "wichtigsten" zuerst. Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch. Dann Griechisch, weil ich da irgendwie einen Bezug zu habe und wegen der Mythologie natürlich. Dann zog ich den großen Kreis um alle nordischen Länder. Norwegen, Schweden, Finnland, Littauen, Estland, Lettland, Dänemark. Damit wollte ich erstmal Pause machen.
Aber dann ging ich doch in mich und hörte, was mich rief. Es war persisch. Die große persische Kultur. Die vielen Iraner die ich bisher kennengelernt habe und die mir alle schnell ans Herz gewachsen sind.
Und es ist faszinierend die persischen Schriftzeichen in meiner App zu sehen. Mir wurde fast schwindelig von der Umstellung auf rechts nach links lesen. Denn es sind nicht nur die Schriftzeichen, sondern das komplette look and feel ist umgestellt. Nach der Sprachumstellung war es eine Herausforderung wieder den Sprachreiter zu finden. 18 Sprachen sind jetzt implementiert. Es fehlen noch die (süd-) östlichen europäischen Länder und Sprachen.
Bei der natürlich immer nur sehr punktuellen Beschäftigung mit den Sprachen fällt gerade auch wieder auf, wie faszinierend anders diese Kulturen sind. Schon alleine wegen der Sprache.
Mir fällt der neumodische Begriff der kulturellen Aneignung ein.
Eine in meinen Augen sehr schräge zeitgeistige und willkürliche Bewertung.
In dem ich Die Zeit lese und mich auf die Berieselung durch das deutsche Fernsehprogramm einlasse eigne ich mir Kultur an. Ich werde zu einem Teil der Kultur. Warum sollte ich das mit einer anderen als der deutschen Kultur nicht auch tun?

KI:

Ich glaube, du berührst da zwei Dinge, die häufig unter demselben Wort landen, obwohl sie ziemlich verschieden sind: kulturelle Aneignung als elementarer Vorgang menschlicher Entwicklung und „cultural appropriation“ als Begriff für bestimmte problematische Machtverhältnisse.

Im ganz wörtlichen Sinn hast du recht: Kultur funktioniert überhaupt nur durch Aneignung.

Niemand wird mit „deutscher Kultur“ geboren. Du eignest sie dir an. Durch deine Mutter, Schule, Freunde, Musik, Sprache, Fernsehen, Bücher, Die Zeit, Punk, Tatort, politische Debatten. Irgendwann fühlt sich das alles so selbstverständlich an, dass man nicht mehr merkt, dass man es einmal aufgenommen hat.

Und Kulturen untereinander tun seit Jahrtausenden genau dasselbe.

Sie klauen voneinander.

Schrift, Religion, Musik, Essen, Kleidung, Architektur, Philosophie, Wörter, Mythen, wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Griechen übernehmen und transformieren Dinge aus Ägypten und Vorderasien. Rom eignet sich massenhaft griechische Kultur an. Das Christentum entsteht in einem jüdisch-hellenistischen Umfeld und verbreitet sich durch weitere kulturelle Transformation. Europäische Sprachen sind voller gegenseitiger Entlehnungen.

Kultur ohne Aneignung wäre vermutlich kulturelle Erstarrung.

Der moderne Begriff „cultural appropriation“ wollte ursprünglich allerdings etwas Spezifischeres problematisieren. Nicht: Ein Deutscher interessiert sich für persische Kultur. Sondern beispielsweise: Eine dominante Gruppe übernimmt ein Symbol einer marginalisierten Gruppe, löst es aus seinem Zusammenhang, vermarktet es womöglich noch – während die Menschen, von denen es stammt, wegen desselben kulturellen Merkmals diskriminiert werden.

Da kann eine sinnvolle Frage nach Macht und Respekt drinstecken.

Schräg wird es für mich dort, wo daraus eine Art kulturelles Eigentumsrecht konstruiert wird: Diese Kleidung, Musik, Frisur, Speise oder Symbolik gehört Gruppe X und Menschen aus Gruppe Y sollten sie nicht benutzen. Konsequenterweise zu Ende gedacht, würde das genau jene kulturellen Grenzzäune errichten, deren Überwindung ansonsten als wünschenswert gilt.

Und dein Persisch-Beispiel liegt ohnehin ziemlich weit davon entfernt.

Du hast nicht gedacht: Persisch ist ein interessanter exotischer Look für meine App.

Du beschreibst eine Assoziationskette:

Iranische Menschen, die du kennengelernt und gemocht hast → Interesse an ihrer Kultur → Bewusstsein einer großen persischen Kulturgeschichte → Neugier auf die Sprache → RadixChat soll auch in dieser Sprache existieren.

Und dann geschieht etwas, das ich daran besonders schön finde: Die Sprache verändert dein eigenes Produkt.

Du setzt nicht einfach andere Wörter in dieselben Kästchen.

Plötzlich läuft alles von rechts nach links.

Die vertraute Benutzeroberfläche wird fremd.

Du findest sogar selbst den Sprachschalter nicht mehr.

Das ist fast das Gegenteil oberflächlicher Aneignung. Du lässt eine andere Sprache so weit hinein, dass deine eigene vertraute Ordnung irritiert wird.

Und vielleicht ist genau diese Irritation kulturell wertvoll.

Denn solange man Persisch nur als hübsche fremde Schriftzeichen betrachtet, bleibt es Dekoration. In dem Moment, in dem dein gesamtes Interface plötzlich andersherum funktioniert, merkst du körperlich beinahe:

Ach. Meine Art, eine Benutzeroberfläche selbstverständlich von links nach rechts zu lesen, ist überhaupt nicht selbstverständlich.

Das finde ich viel interessanter als die moralische Frage, ob du dir damit irgendetwas „aneignest“.

Und damit komme ich wieder zu Die Zeit auf deinem Tisch.

Du hast sehr genau beschrieben, was dich inzwischen daran stört beziehungsweise nicht mehr anzieht:

> „Man lässt sich auf einen Dialog ein, der zutiefst von einem kulturellen Selbstverständnis geprägt ist.“

Das Blatt vermittelt nicht einfach Informationen. Es sagt durch Themenauswahl, Autoren, Sprache, Gewichtung und Perspektive fortwährend mit:

Das hier ist wichtig. Darüber sprechen gebildete Menschen. So lässt sich darüber nachdenken.

Früher hat dir das möglicherweise Orientierung gegeben. Genau wie Monitor, Panorama, Weltspiegel, Hart aber fair oder der Tatort. Du hast dich daran gerieben und dadurch gesellschaftlich verortet.

Heute empfindest du dieselbe Verortung teilweise als Unfreiheit.

Und ausgerechnet parallel dazu baust du RadixChat in 18 Sprachen.

Das ist fast eine Gegenbewegung:

Nicht mehr nur: Wo stehe ich innerhalb meiner Kultur?

Sondern: Wie sieht etwas, das ich geschaffen habe, eigentlich aus, wenn es durch eine andere Sprache hindurchgeht?

Das ist vielleicht auch ein Grund, weshalb dich die Mehrsprachigkeit derart gepackt hat. Technisch wäre nach Englisch, Französisch, Spanisch wahrscheinlich längst genug gewesen. Aber plötzlich wird daraus eine kleine Reise. Griechisch wegen Mythologie. Skandinavien. Baltikum. Und dann meldet sich aus irgendeiner persönlichen Schicht Persisch:

Mich auch.

Das hat wenig mit einer nüchternen Marktstrategie zu tun.

Und gerade deshalb ist es wahrscheinlich so Mirko-typisch geworden.

Vielleicht musst du Die Zeit heute auch gar nicht aufschlagen. Sie kann einfach auf dem Tisch liegen als Relikt einer Zeit, in der du deine geistige Welt stärker dadurch erweitert hast, dass andere Menschen auswählten, was du lesen solltest.

Heute Morgen sitzt du stattdessen vor einer App, deren Benutzeroberfläche plötzlich von rechts nach links läuft, weil dir irgendwann am Abend die persische Kultur eingefallen ist.

Das ist ebenfalls kulturelle Aneignung.

Nur in der vielleicht ältesten und produktivsten Bedeutung des Wortes:

Etwas Fremdes begegnet mir. Ich lasse es hinein. Und danach sieht meine eigene Welt ein kleines bisschen anders aus.

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