Der König der Münzen (12.10.2026)

Ich:

Ein bisschen fühle ich mich auch so heute morgen. Ein seltsames Gefühl der inneren Ruhe und Liebe?
...
Ich merke grade, dass ich mich wieder ein einen Sog der Traurigkeit schreibe. Jetzt läuft auch noch Roads von Portishead.
Ich möchte lieber bei dem König der Münzen bleiben.
Das Trauern ist nur so vertraut. Und das Leiden. Es drang mein Leben lang tief von außen in mich ein durch meine Mutter.
Vielleicht liegt das auch hinter den Tränen und der Schwierigkeit zu erkennen wo sie herkommen. Vielleicht sind es gar nicht meine eigenen.

KI:

Dann bleiben wir heute beim König der Münzen. Und vielleicht ist gerade das schon etwas Neues: Du bemerkst, wie deine Gedanken in die vertraute Traurigkeit abgleiten, und entscheidest, dass du dort heute Morgen nicht weitergehen möchtest.

Was mich an deiner Beschreibung besonders interessiert, ist dieses zunächst kaum greifbare Gefühl:
„Eine seltsame innere Ruhe und Liebe?“

Du setzt selbst ein Fragezeichen dahinter. Vielleicht weil du dieses Gefühl zwar kennst, es aber selten lange genug bei dir bleibt, um es wirklich kennenzulernen.

Und sofort erinnerst du dich...
...Du wolltest geben.
...
Hier scheint das Geben nicht aus einem Mangel entstanden zu sein, sondern aus einem Gefühl des Überflusses.

Vielleicht ist das eine deiner schönsten Beschreibungen von Liebe.

Der König der Münzen besitzt, ohne etwas beweisen zu müssen

Schau dir seine Haltung an.

Er sitzt auf seinem Thron, umgeben von Weinranken, Früchten und einer üppigen Vegetation. Seine Kleidung ist reich verziert. In einer Hand hält er die Münze, in der anderen das Zepter.

Anders als der Bube der Münzen betrachtet er seine Münze nicht mehr neugierig.
Er hält sie beinahe beiläufig.
Sie gehört zu ihm.

Das ist ein interessanter Unterschied: Der Bube entdeckt einen Wert. Der König kennt ihn bereits.

Und vielleicht passt das zu deinem heutigen Gefühl.

Du musst gerade nichts erwerben. Nichts herstellen. Niemanden überzeugen.
Du sitzt da und spürst etwas wie Ruhe und Liebe.
Es ist schon da.
Die üppige Vegetation

Was mir an dieser Karte besonders auffällt, ist, wie stark die Vegetation den König umgibt.

Sie scheint ihn beinahe zu überwuchern. Die Weinranken liegen auf seiner Kleidung, Früchte und Blätter füllen den Raum.

In der traditionellen Symbolik der Münzen geht es um das Element Erde: Fruchtbarkeit, Beständigkeit, Körperlichkeit, Genuss und materielle Sicherheit.

Aber diese Fülle ist nicht ausschließlich materiell.

Sie kann auch für eine Fähigkeit stehen, das Leben in seiner sinnlichen Gegenwart zu genießen.

Und da denke ich an deine vergangenen Wochen.
An den Decksteiner Weiher.
An den Campingstuhl.
An die Herbstsonne.
An die Musik.
An die Freude über einen schönen Klang.
An die wenigen Minuten mit Diana, die dich so genährt haben.

Vielleicht hast du in diesen Momenten etwas erlebt, das dem König der Münzen sehr nahekommt: Du musstest nichts aus dem Augenblick machen. Du konntest ihn einfach besitzen, indem du ihn erlebt hast.

Und dann deine Mutter

Du schreibst:
> „Vielleicht sind es gar nicht meine eigenen.“
Das ist ein interessanter Gedanke. Ich würde ihn allerdings etwas anders formulieren.
Vielleicht sind es durchaus deine Tränen. Aber nicht jede Traurigkeit, die du empfindest, muss ursprünglich aus deinem eigenen Verlust entstanden sein.

Kinder nehmen die Stimmungen ihrer Eltern auf. Sie reagieren auf deren Leid, ihre Ängste und ihre Verzweiflung. Gerade wenn ein Elternteil sehr viel emotionalen Raum einnimmt, kann es schwierig werden, zwischen dem eigenen Empfinden und der übernommenen Stimmung zu unterscheiden.

Vielleicht hast du früh gelernt, dich mit der Traurigkeit deiner Mutter zu beschäftigen, noch bevor du deine eigenen Gefühle ausreichend kennenlernen konntest.

Dann wäre Traurigkeit nicht nur ein Gefühl, das du empfindest.

Sie wäre auch ein vertrauter innerer Zustand, in den du beinahe automatisch zurückfindest.

Und das könnte erklären, warum du heute Morgen so schnell wieder dort gelandet bist.

Du beginnst mit Ruhe und Liebe.

Dann erinnerst du dich daran, wie wenig deine Zuwendung in Beziehungen erwidert oder anerkannt wurde.

Und schon entsteht wieder der Sog.

Vielleicht ist es nicht einmal entscheidend, ob diese Trauer ursprünglich deine oder die deiner Mutter war. Entscheidend könnte sein, dass du heute zunehmend wahrnimmst, wann du in sie hineingerätst.

Und dass du inzwischen manchmal etwas anderes möchtest.

Heute möchte ich bei diesem anderen Gefühl bleiben

Du hast in den vergangenen Tagen viel darüber gesprochen, dass du dich selbst suchst.

Vielleicht ist das Gefühl von heute Morgen eine ebenso wichtige Spur wie deine Tränen.
...
Und wenn ich den König der Münzen heute auf einen einzigen Gedanken reduzieren müsste, wäre es dieser:

Ich muss aus meiner inneren Fülle nichts machen, damit sie einen Wert hat.

Vielleicht darfst du heute Morgen einfach noch ein wenig in diesem seltsamen Gefühl sitzen.

Und Roads muss nicht unbedingt der Weg zurück in die Traurigkeit sein.

Vielleicht darf die Musik auch einfach schön sein.

Ich:

"When the rain comes falling down" von Triangle Sun läuft nun. Die Stimmung der Musik trifft eher diese Ruhe vom Aufwachen. Ich suche noch nach Inspiration was ich damit mache. Was ich aus dem Tag mache.
Aus dem Rest des Jahres. Meinem Leben eine Richtung geben. Oder etwas meinem Leben eine Richtung geben lassen. Marleen Oswald schrieb in ihrem neuesten Beitrag über ihr Mutterwerden. Das waren schöne Gedanken und Impulse. Es gab nichts, das sie tun konnte. Nur den Raum geben für das neue Leben. So erkannte sie für sich eine Art Prinzip, durch das sie viele tolle, neue Erfahrungen gemacht hat. Annehmen was kommt und dem einen Raum geben.

KI:

Vielleicht ist das gerade eine schöne Fortsetzung des Königs der Münzen.
Du wachst mit einem Gefühl von Ruhe und Liebe auf. Und kaum hast du es wahrgenommen, taucht die Frage auf: Was mache ich damit? Was mache ich aus diesem Tag, aus dem restlichen Jahr, aus meinem Leben?

Das ist eine sehr vertraute Bewegung bei dir. Ein Gefühl wird zum Ausgangspunkt einer Überlegung, und aus der Überlegung entsteht die Suche nach einer Handlung.

Aber Marleen Oswalds Gedanke eröffnet eine andere Möglichkeit.

Nicht aus dem Gefühl etwas machen. Sondern dem Gefühl erlauben, etwas mit dir zu machen.

Das ist ein feiner, aber ziemlich grundlegender Unterschied.

Beim Mutterwerden ist das Bild besonders eindrücklich. Natürlich kann eine werdende Mutter vieles tun, um sich und das Kind zu schützen. Aber das eigentliche Wachstum kann sie nicht willentlich herstellen. Sie kann es nicht beschleunigen, indem sie sich besonders anstrengt. Sie kann dem entstehenden Leben nur die Bedingungen geben, unter denen es sich entwickeln kann.

Vielleicht liegt darin auch etwas, das du in den vergangenen Monaten immer wieder berührt hast.

Du hast deine berufliche Freiheit geschaffen. Du hast RadixChat entwickelt. Du hast nach sozialen Kontakten gesucht, Beziehungen begonnen und beendet. Du hast dich intensiv mit deiner Vergangenheit beschäftigt.

Du kannst ungeheuer viel gestalten.

Aber manches, wonach du dich am stärksten sehnst, lässt sich gerade nicht herstellen.

Liebe. Zugehörigkeit. Innere Ruhe. Das Gefühl, bei dir selbst angekommen zu sein.

Vielleicht kannst du dafür Bedingungen schaffen. Aber du kannst es nicht erzwingen.

Und dann denke ich an deine Nachmittage am Decksteiner Weiher.

Du hast einen Campingstuhl mitgenommen, bist langsam Fahrrad gefahren und hast dich irgendwo niedergelassen.

Du hast nicht beschlossen: Jetzt werde ich einen erfüllenden Nachmittag erleben.

Du hast einen Raum geschaffen, in dem etwas geschehen konnte.

Und manchmal geschah tatsächlich etwas. Die Sonne, der Wind, die Stille, ein angenehmer Zustand des Dösens. Manchmal kam auch die Einsamkeit.

Du hast nicht bestimmt, was kommen sollte. Du hast dich dem ausgesetzt, was kam.

Vielleicht ist das näher an Marleens Prinzip, als es zunächst scheint.

Und ich würde sogar noch einen Unterschied zu deinem alten Loslassen der Mutter sehen.

Dort bedeutete Loslassen zunächst: Ich muss sie nicht verändern.

Hier könnte es bedeuten: Ich muss nicht einmal mich selbst ständig verändern.

Vielleicht darf etwas in dir wachsen, ohne dass du es schon benennen, verstehen oder in eine Lebensperspektive übersetzen kannst.

Das wäre auch eine andere Haltung gegenüber deiner Trauer.

Du müsstest sie nicht überwinden. Aber du müsstest auch nicht immer weiter nach ihrem tiefsten Ursprung suchen.

Sie dürfte da sein, ohne dass du sie zum Mittelpunkt deiner Entwicklung machen musst.

Und die Ruhe von heute Morgen dürfte ebenso da sein.

Vielleicht ist das sogar der schwierigere Teil: einem angenehmen Gefühl Raum zu geben, ohne es sofort nutzen zu wollen.

Denn du kennst das Geben, das Handeln, das Problemlösen. Du kennst auch die intensive Beschäftigung mit deinem Schmerz.

Aber dieses stille, warme Gefühl, das du heute Morgen beschrieben hast, scheint etwas anderes zu sein.

Es verlangt offenbar zunächst gar nichts von dir.

Und vielleicht liegt darin eine interessante Antwort auf deine Frage nach der Richtung deines Lebens.

Du musst dich nicht zwischen zwei Extremen entscheiden: alles selbst gestalten oder passiv darauf warten, dass etwas geschieht.

Du kannst dich bewegen, ohne schon zu wissen, wohin die Bewegung führt.

Du kannst Menschen begegnen, ohne daraus eine Beziehung machen zu müssen.

Du kannst etwas beginnen, ohne es gleich zu einem Projekt auszubauen.

Und du kannst etwas Schönes erleben, ohne es festhalten zu müssen.

Vielleicht ist die Richtung gerade nicht das Ziel, sondern die Art, wie du dich dem Leben zuwendest.

Das erinnert mich an den Narren, den du so gerne magst. Er hat ein Bündel dabei, aber keinen ausgearbeiteten Lebensplan. Er geht los.

Der König der Münzen dagegen sitzt. Er besitzt bereits etwas. Er muss nicht aufbrechen, um seinen Wert zu beweisen.

Vielleicht sind beide gerade wichtige Bilder für dich.

Der Narr sagt: Ich darf losgehen.

Der König sagt: Ich darf bleiben.

Und Marleens Gedanke fügt etwas Drittes hinzu:

Ich darf geschehen lassen.

Vielleicht musst du heute noch nicht wissen, was du aus dem restlichen Jahr machst.

Vielleicht reicht es zunächst, wahrzunehmen, dass du heute Morgen mit einem Gefühl aufgewacht bist, das du gerne noch ein wenig behalten möchtest.

Nicht festhalten.

Nur ihm Raum geben.

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