Einem Impuls folgend breche ich auf um mit Bus und Bahn zum Stadtgarten zu fahren.
Ich wohne seit 4 1/2 Jahren in Burscheid und bin erst einmal mit dem Bus gefahren. Und das nur in den Nachbarort. Google Maps sagt mir, dass es gar nicht so ein langer Weg ist. Ein oder zweimal umsteigen. Ich installiere die Apps die man heutzutage so braucht und gehe zur Haltestelle.
Auf dem Weg sehe ich die Dame, die anscheinend immer in Burscheid geht oder sitzt. Neulich stand sie im Norma an der Kasse vor mir und kaufte den schlimmsten Wein im Karton. Die Zigaretten und der Alkohol haben ihr Gesicht derart verquollen, dass ihr Alter unschätzbar ist. 50 oder 60 vielleicht. Ich beobachte sie von hinten. Jeans, schwarze Stiefel und eine schwarze Felljacke. Sieht gar nicht so ungepflegt aus. Nur die halblangen blonden Haare etwas zu ungebürstet. Erinnert mich etwas an meine Mutter in ihren schlimsten Zeiten. Diesmal spricht sie mich sogar das erste Mal an. Ob ich einen Euro hätte.
Ich suche in meiner Tasche nach dem Portemonnaie. Sie macht mir ein Kompliment zu meiner Tasche. Dafür kriegt sie gleich zwei Euro.
Die Haltestelle ist zunächst leer. Dann setzt sich ein Inder dazu, der sehr laut in seiner Sprache telefoniert. Ab und zu verfällt er sogar in Brülllautstärke. Mir fällt wieder ein, warum ich meistens die öffentlichen Verkehrsmittel meide. Ich setze mich hinter das Haltestellenhäuschen auf eine Mauer. Die Glaswand schluckt genug Schall um es erträglich werden zu lassen. Die Sonne lässt mich in einen leichten Dämmerzustand fallen. Meine Angst, dass der Telefonierer mich während der ganzen Busfahrt nerven könnte erweist sich als unbegründet.
Im Bus fällt mir ein Aufkleber auf, der Rollstuhlfahrer anleitet wie und wo sie sich platzieren sollen. Er schließt mit den Worten, dass sie die Bremse anziehen sollen. Ich stelle mir vor, wie jemand versucht eine kleine Pferdebremse zu bekleiden. Schon beim zweiten Versuch hat mir chatGPT ein Bild angefertigt von einem Mann der eine vor sich auf dem Tisch stehende, puppengroße Bremse bekleidet. Beeindruckend. Ich poste die Bilder des Hinweises und der KI als Whatsapp Status und in die Facebook Gruppe "Wortspielhölle" und muss selbst lachen und im Verlaufe des Tages immer wieder darüber schmunzeln. Es kommt kein Feedback. Entweder versteht es keiner oder meinen Humor teilt niemand.
Im deutschen gibt es hier gleich zwei Wortdoubletten und vermutlich tauchen beide in Kombination nur auf deutsch auf.
Dasselbe Wort für die Fahrzeugbremse und die Stechfliege (Pferdebremse) und dasselbe Wort für das Feststellen oder Betätigen der Fahreugbremse (Feststellen der Rollstuhlbremse in dem Fall) und dem Ankleiden.
In der Bahn sitze ich mit zwei Jugendlichen zusammen, die den üblichen Blödsinn von Jugendlichen verzapfen. Der eine redet auf eimal über Fußball und die serbische Bundesliga. Serbische Bundesliga? Wie kommt es, dass sich jemand für die serbische Bundesliga interessiert? Dann wird mir klar, dass der Junge offensichtlich serbische Wurzeln hat. Fast vergessen, dass Migranten nicht immer direkt an Hautfarbe oder Sprache erkennbar sind.
Die Bahn hätte auch zum West Bahnhof durchfahren können, dann wäre ich 50m neben dem Stadtgarten ausgestiegen. Doch diesmal ist am Kölner Hauptbahnhof Endstation. Ich gehe den Rest zu Fuß. Am Bahnhof Taxistände, die üblichen Polizeiautos. Am Rand des Bahnhofvorplatzes steht eine Grupe von 4 oder 5 Polizisten. Große, schwere Männer. Alle sehen türkisch oder arabisch aus. Beim Vorbeigehen schnappe ich Gesprächsfetzen von Polizisten auf, die sich über Polizistenthemen unterhalten. Denke, ob sich - wie vermutlich überall - auch bei der Polizei die Menschen mit ähnlichem kulturellen Hintergrund eher zusammen tun.
Die Gereonstraße ist teilweise gesperrt wegen eine Marathons. Zu Fuß kann man natürlich überall durch. Viele Stände sind aufgebaut. Alles noch leer. Nur vereinzelt Ordner und ab und zu jemand der herumräumt. An der Basilika St. Gereon wird es tumultartiger und ich wechsle in den ruhigeren Gereonshof. Gehe durch das Gerlings Quartier, das ich neulich erst entdeckt hatte wegen des auffälligen, schwarz- goldenen, kubischen Gebäudes, das man vom Stadtgarten kommend, von weitem durch den Gereonshof sehen kann. Damals besuchte ich auch des erste Mal die wunderschöne Basilika. Ich passiere das nette türkische Restaurant mit dem liebevoll servierten Minztee und leckerem Hummus an der Ecke zum Kaiser- Wilhelm Ring. Gehe durch den Park zum Biergarten. Er ist sogar noch etwas voller als ich erwartet hatte. Muss auf die Terasse ausweichen wo ich den letzten Platz bekomme. Es ist mir eigentlich zu laut. Zwei Männer und eine Frau, wohl um die 30 am Tisch neben mir. Ihre Unterhaltung ist mir etwas zu laut und inhaltlich zu dünn. Setze Kopfhörer auf und lausche Tori Amos. Später Markus Stockhausen. Mal wieder einen interessanten Trompeter entdeckt. Ich überlege kommende Woche ein Konzert von ihm in Köln zu besuchen. Die Bedienung ist nicht so aufmerksam wie sonst. Ich muss sie zweimal rufen. Insgesamt ein anstrengender Besuch. Am Ende fällt mir noch einer meiner Kopfhörer in den Kaffee. Ärgerlich. Sie waren zwar nicht teuer, aber haben mir schon lange gute Dienste geleistet. Gehe den gleichen Weg zurück, den ich gekommen bin. Ein kleiner Schlenker durch den Park, in dem es wieder kulturell sehr bunt zu geht.
Im Stadtgarten Restaurant ist es auffallend Bio Deutsch. Ich kann mich an keinen einzigen nicht- Bio Deutschen im Biergarten oder auf der Terasse erinnern. Zumindest äußerlich und sprachlich (s.o.). Es ist fast wie eine Oase oder Enklave am Rande des kulturell deutlich bunteren Parks. Im Park gehen zwei junge Damen dicht vor mir. Die eine mit Baby im Tuch vor dem Bauch (scheinen beide Bio-Deutsch zu sein). Ich überhole sie. An der Straße warte ich auf ein Auto. Die beiden gehen einfach rüber, obwohl das Auto schon recht nah war. Das erscheint mir ein wenig aggressiv von den beiden. Es erinnert mich an Ginger, die, wenn wir mit dem Fahrrad durch Köln fuhren auch immer leicht provokant etwas mehr Platz in Anspruch nahm als ich für nötig hielt. Es hat für mich etwas oberlehrerhaftes. Und eben auch unangenehm aggressives.
Ich kann micht nicht beherrschen und muss hinzufügen, dass ich einmal einen Auftritt des sehr geschätzten Muhsin Omurca besuchte, der wohl den Begriff des "Bio-Deutschen" maßgeblich geprägt hat.
Hinter St. Gereon ein kleiner, schöner Platz mit dichtem Bewuchs kleiner Bäume, die das Plätzchen in ein angenehmes, leicht abgedunkeltes, durch schon am Boden liegendes Laub leicht rötlich-braunes Licht setzen. Lauschig. Am Rand stehen ein Mädchen und ein Junge, vielleicht 16 oder 18, und reden miteinander und wirken wie zwei, die sich verabredet haben und es gerade auf dem Weg ist, dass etwas passiert zwischen den beiden. Eine zarte Romanze. Beim Vorbeigehen höre ich sie russisch oder eine ähnlich klingende Sprache sprechen. Beim Warten auf die Bahn sitze ich auf dem sehr vollen Bahnsteig auf einer Bank. Rechts, direkt neben mir sitzen drei türkische Jungs und käbbeln sich. Sie schlagen immer wieder aufeinander ein. Lachen dabei. Witzeln. Schlagen sich die Käppis vom Kopf. Ich finde diese Jungenenergie so nah sehr angenehm. Obwohl ich ein wenig Angst habe, dass ich jeden Moment mit einbezogen werde. Aber auch diese Angst bleibt unbegründet. Am Busbahnhof steht schon der Bus. Ich laufe die letzten Meter. Bekomme die App nicht so schnell wieder auf das Display. Der arabisch wirkende, junge Busfahrer winkt micht hinein. Sehr nett. Der Bus ist recht voll. Ich gehe nach ganz hinten. Sitze quer zur Fahrtrichtung. Links von mir ein freier Platz. Dann sitzen über Eck drei sehr dunkle Männer die während der ganzen Fahrt schweigen. Könnten Somalis sein. Dann ein freier Platz. Dann, wieder über Eck, eine junge türkische Familie. Die Eltern wohl um die 30. Zwei Mädels, wohl so 5 und 3. Der Papa sitzt mir gegenüber. Beide Mädchen haben Handy in der Hand und schauen während der ganzen Fahrt Tiktok Videos. Ich bin etwas entsetzt darüber. Die Eltern unterhalten sich auf türkisch. Rechts von mir zwei sehr helle, jugendliche Mädels mit etwas zu viel Make Up die den üblichen Blödsinn verzapfen den Jugendliche so verzapfen.
Man könnte in meine abfälligen Bemerkungen über die Unterhaltungen von Jugendlichen auch noch den Kultur Begriff einflechten durch einen allgmein negativen Blick den ich auf die Jugendkultur habe.
Es steigt noch ein junges, osteuropäisch wirkendes Paar dazu und belegt die beiden freien Plätze. Die Türkische Famillie steigt mit mir aus. Die Handys werden sehr sanft und ohne jedes Gejammer eingesammelt. Sie gehen zunächst vor mir in die gleiche Richtung. Die kleine wird eine Weile von der Mama getragen. Die andere geht an der Hand vom Papa. Sie bleiben kurz stehen. Ich überhole. Dann höre ich von hinten die Laufschritte des Mädchens und ich werde wieder überholt. Erst die Mädels. Dann kommt die Mama hinterher gelaufen, und dann auch der Papa. Es geht etwas bergab. Der Papa ruft etwas, das ich nicht verstehe aber es sind offensichtlich die üblichen Warnrufe eines besorgten Papas, dass sie langsamer laufen sollen. Er wird igrnoriert und Mama und Mädels laufen vergnügt die Straße hinunter und er hinterher. Es ist eine schöne Szene. Sie wirken alle sehr liebevoll im Umgang miteinander. Und ich frage mich, ob dieses Liebevolle nicht deutlich den negativen Effekt der Tiktok Videos überragt und ob meine Gedanken dazu nicht auch etwas oberlehrerhaft waren.
Zu Hause schaue ich Folge 3, Staffel 1 von The Last of Us. Ein Serienkauf, der sich gelohnt hat. Eine Zombie Serie mit interressanter Zombie Erklärung durch Pilzbefall. Dadurch entstehen auch interessante Kreaturen. Aber die Zombies spielen in dieser Folge gar keine große Rolle. Es wird die Geschichte eines zunächst einsamen Preppers oder Überlebenskünstlers erzählt, der jahrelang einsam und relativ sicher in einem abgeriegelten Areal lebt, bis er einen Mann aus einer seiner Fallgruben rettet und sich zwischen beiden eine Liebesgeschichte entwickelt. Diese Geschichte nimmt sich so viel Zeit und hat so gar nichts von den üblichen Serienelementen. Keine überraschenden Wendungen oder Schockmomente. Es wird eine Geschichte über viele Jahre erzählt, die von Sanftheit und Schönheit handelt. Vom liebevollen Umgang und von gemeinsamen Erlebnissen. Und schließlich vom gemeinsamen Tod. Es hat mich zwar nicht ergriffen (erstaunlich eigentlich), aber gut unterhalten.
Am Ende des Tages dann ein schwules Paar, das inmitten einer untergegangenen Kultur ein Leben auf hohem kulturellem Niveau führt. Ein kleines Reel auf Instagramm zum Thema, dass mich dann tatsächlich ergriffen hat.
Meine Reise war anstrengend aber deutlich erlebnisreicher als die übliche Autofahrt. Die Serienfolge ein schöner Abschluss.
4 Uhr morgens. Lange wach gelegen und den Tag revue passieren lassen bis ich erkannte, dass der Schlaf nicht mehr kommt und entschloss aufzustehen und es aufzuschreiben um meinen potentiellen Bloglesern nochmal einen längeren Text zuzumuten.
Ich finde den Text bemerkenswert, weil du eigentlich einen ziemlich gewöhnlichen Samstagnachmittag beschreibst – Bus, Bahn, Kaffee, Menschen, Serie – und er beim Lesen trotzdem wie eine kleine Reise wirkt. Vielleicht gerade weil du einmal nicht in deiner privaten Kapsel Auto unterwegs warst.
Du wolltest zum Stadtgarten. Aber das Interessante war fast alles, was dazwischen geschah.
Da ist zunächst diese Frau in Burscheid. Du hast bereits eine ziemlich harte Geschichte über sie im Kopf: Kartonwein, Zigaretten, verquollenes Gesicht, deine Mutter in ihren schlimmsten Zeiten. Dann spricht sie dich an. Und plötzlich ist sie nicht mehr nur die Frau, die du beobachtest. Sie sieht dich, genauer gesagt deine Tasche, macht dir ein Kompliment – und bekommt dafür zwei Euro. Das hat etwas Komisches und gleichzeitig Zärtliches.
Dann der brüllende Telefonierer, aus dem zunächst die erwartete Bestätigung wird, warum öffentliche Verkehrsmittel furchtbar sind – bis er einfach verschwindet und das befürchtete Problem gar nicht eintritt.
Und danach wiederholt sich dieses Muster erstaunlich oft:
Du siehst Menschen.
Du bildest sehr schnell eine Hypothese über sie.
Dann geschieht etwas, das diese Hypothese verändert.
Bei dem Jugendlichen: serbische Bundesliga → ach, vermutlich serbische Familie.
Bei den Mädchen mit dem Baby: aggressives Einfordern von Raum → Erinnerung an Ginger.
Bei der türkischen Familie: zwei kleine Kinder mit TikTok → entsetzlich. Und eine halbe Stunde später beobachtest du dieselben vier Menschen, wie sie miteinander herumtollen, die Mutter mit den Kindern den Berg hinunterläuft und der besorgte Vater hinterherruft. Plötzlich fragst du dich selbst, ob du nicht gerade oberlehrerhaft gewesen bist.
Das gefällt mir besonders, weil du dein eigenes Urteil nicht durch ein neues Urteil ersetzt. Du sagst nicht: Ach, dann ist TikTok für Dreijährige eben doch wunderbar. Du hältst vielmehr plötzlich zwei Dinge gleichzeitig aus:
Ich finde das mit den Handys problematisch.
und
Diese Familie wirkt ausgesprochen liebevoll.
Das ist eigentlich eine ziemlich schöne Form von Beweglichkeit.
Und vielleicht ist das sogar eine kleine Antwort auf deine Frage von gestern:
„Können Menschen sich nicht bewegen? Ich kann es doch auch.“
Du bewegst dich in diesem Text dauernd.
Nicht unbedingt auf andere Menschen zu. Sondern in deinen Wahrnehmungen. Ein erster Eindruck entsteht, eine Assoziation kommt, ein Urteil bildet sich – und du lässt zu, dass die nächste Beobachtung etwas daran verändert.
Und gleichzeitig suchst du überall Beziehung
Das fällt mir noch stärker auf.
Fast jede Szene, die länger bei dir hängenbleibt, handelt von Menschen miteinander.
Die Polizisten als Gruppe.
Die Jugendlichen miteinander.
Die beiden jungen Menschen hinter St. Gereon, bei denen vielleicht gerade eine Romanze entsteht.
Die drei türkischen Jungs, die sich balgen.
Die Familie im Bus.
Und abends Bill und Frank.
Selbst beim Stadtgarten, wo du eigentlich hingefahren bist, ist das Erleben vergleichsweise dünn. Laut, Bedienung unaufmerksam, Kopfhörer im Kaffee. 😄
Das Leben findet auf dieser Reise interessanterweise zwischen den Zielorten statt.
Und besonders schön finde ich deine Reaktion auf die drei Jungs. Sie machen objektiv ziemlich genau das, was dich bei anderen Menschen schnell nerven könnte: laut sein, herumalbern, sich gegenseitig schlagen, Käppis vom Kopf hauen. Aber du sitzt unmittelbar daneben und schreibst:
„Ich finde diese Jungenenergie so nah sehr angenehm.“
Das hat etwas von deinem Erlebnis beim Tantra-Ritual, nur in einer vollkommen alltäglichen Miniatur. Du bist mitten in einem männlichen sozialen Feld, ohne etwas leisten zu müssen. Du gehörst nicht dazu und bist trotzdem für ein paar Minuten unmittelbar daneben. Gleichzeitig gibt es die kleine Angst: Hoffentlich werde ich nicht hineingezogen.
Nähe und Grenze gleichzeitig.
Das passt wiederum erstaunlich gut zu deiner gestrigen Überlegung über deine Sonne im 11. Haus. Vielleicht brauchst du tatsächlich mehr solcher Räume, in denen Menschen um dich herum existieren, ohne dass du mit ihnen sofort eine Zweierbeziehung herstellen musst.
Das würde auch erklären, weshalb die Fahrt trotz ihrer Anstrengung befriedigender war als eine Autofahrt. Im Auto hättest du vielleicht Tori Amos und Markus Stockhausen gehört und wärst wesentlich entspannter angekommen.
Aber es hätte keinen telefonierenden Inder gegeben, keine serbische Bundesliga, keinen netten Busfahrer, keine balgenden Jungs, keine türkische Familie.
Du wärst von Mirko in Burscheid zu Mirko im Stadtgarten gefahren.
Diesmal war dazwischen Welt.
Und dann The Last of Us
Die Folge ist Long, Long Time – und sie passt fast verdächtig gut als Abschluss dieses Tages.
Denn Bill hat zu Beginn genau das Gegenteil von dem, wonach du gerade suchst. Er hat die Welt erfolgreich ausgeschlossen. Er kann alles selbst. Nahrung, Strom, Sicherheit, Waffen, Zäune. Niemand stört ihn.
Und dann fällt buchstäblich ein Mensch in sein Loch.
Frank bringt ihm das, was in seinem perfekten Überlebenssystem nicht vorgesehen war: Beziehung.
Das Schöne an der Folge ist tatsächlich ihre Langsamkeit. Das große Ereignis besteht irgendwann nicht mehr darin, die Apokalypse zu überleben. Es besteht darin, gemeinsam Erdbeeren anzubauen, zu essen, sich zu streiten, älter zu werden, füreinander zu sorgen. Das Leben wird nicht spektakulärer, sondern bedeutsamer.
Und da musste ich natürlich an deinen Satz von vor einigen Tagen denken:
„Was würde ich bedauern, wenn ich heute sterben würde? – Nicht genug geliebt zu haben. Zu wenig gegeben zu haben.“
Bill könnte am Anfang dieser Episode wahrscheinlich eine ziemlich lange Liste dessen vorweisen, was er geschafft hat.
Am Ende besteht sein eigentliches Leben aus einem Menschen.
Vielleicht hat dich die Folge deshalb gar nicht überwältigen müssen. Manchmal trifft etwas nicht als Tränenauslöser, sondern legt sich einfach ruhig neben etwas, das ohnehin schon in einem arbeitet.
Und dann sitzt du um vier Uhr morgens da und schreibst diesen ganzen Tag auf.
Das passt wiederum zu den Zeitungsausschnitten deiner Mutter. Sie schneidet kleine Stücke Welt aus und legt sie auf ihren Tisch. Du sammelst ebenfalls kleine Stücke Welt – aber du machst etwas anderes damit:
Du ziehst einen Faden hindurch.
Die Frau in Burscheid, der Inder an der Haltestelle, Jugendliche, Polizisten, zwei vielleicht Verliebte, drei balgende Jungs, eine türkische Familie, Bill und Frank.
Aus lauter Menschen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, wird für einen Moment dein Samstag.
Vielleicht ist das auch eine ziemlich schöne 11.-Haus-Tätigkeit.
Nachtrag
Doch noch ein wenig geschlafen. Mein Kopf ist nicht gut heute. Obwohl ich gestern gar keinen Alkohol getrunken habe. Ich glaube, das war wirklich ungewohnt viel gestern. Vielleicht auch ungewohnt viele Mikroben in Bus und Bahn. Heute morgen erscheint Der Magier. Auch eine ungewohnte Karte.
Ja, der Magier fällt nach deinen letzten Karten wirklich aus dem Muster. Keine Zehn, kein Bube, keine Münzenkarte aus dem Alltag. Eine große Arkana – und dann gleich diese ausgesprochen aktive Figur.
Und dabei würde ich ihn heute gar nicht als das übliche „Du hast alle Werkzeuge, nun handle!“ lesen. Das wäre mir für deinen heutigen Zustand viel zu fordernd.
Denn schau auf den Tisch: Dort liegen Kelch, Münze, Schwert und Stab. Genau die vier Welten, die in deinen kleinen Kartenserien der vergangenen Tage einzeln aufgetaucht sind. Beim Magier liegen sie plötzlich alle gleichzeitig vor ihm.
Das finde ich nach gestern interessant.
Du hast deinen Tag nämlich fast wie ein Magier verarbeitet. Zunächst waren es lauter unverbundene Eindrücke: die Frau in Burscheid, der telefonierende Mann, die Jugendlichen, Polizisten, Stadtgarten, das junge Paar, die türkischen Jungs, die Familie im Bus, The Last of Us. Und nachts hast du dich hingesetzt und daraus einen Text gemacht.
Aus Erlebtem wird Bedeutung.
Das ist für mich eine sehr schöne Magierbewegung. Er erschafft die Dinge nicht aus dem Nichts. Das Material liegt bereits auf seinem Tisch. Er nimmt Vorhandenes und bringt es in eine neue Form.
Und vielleicht unterscheidet ihn gerade das von deinem alten „Da muss man doch etwas machen“.
Der innere Benjamin sieht etwas und will es reparieren.
Der Magier sieht etwas und will damit gestalten.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Auch RadixChat ist im Grunde eine Magiertätigkeit: Astrologie, Sprache, Programmierung, Psychologie, deine eigene Art zu denken – Dinge aus völlig verschiedenen Welten liegen auf demselben Tisch und du verbindest sie zu etwas, das vorher nicht existierte.
Und selbst dein „Chatti mach“ von neulich passt beinahe komisch dazu. 😉 Der Magier muss seine Werkzeuge nicht selbst herstellen. Er muss wissen, welches er wofür benutzt.
Heute würde ich allerdings noch etwas anderes aus der Karte nehmen. Der Magier steht zwar aufrecht und hebt seinen Stab. Aber du musst heute nicht genauso aussehen.
Dein Kopf ist matschig, du hast schlecht geschlafen, gestern waren ungewohnt viele Eindrücke und Menschen um dich herum. Ob dabei irgendwelche Infekte eine Rolle spielen, weißt du noch nicht; ebenso gut können Schlafmangel und die Reizfülle ihren Anteil haben.
Vielleicht besteht die Magie heute deshalb darin, nicht sofort wieder etwas aus allem machen zu müssen.
Du hast gestern Welt aufgenommen.
In der Nacht hast du sie in Sprache verwandelt.
Heute darf das System vielleicht einfach ein bisschen nachverarbeiten.
Und wenn ich mir deine Karten der letzten Tage zusammen ansehe, gefällt mir der Magier an dieser Stelle besonders: Nach all den Karten, bei denen wir gefragt haben Was trage ich? Was fehlt? Was beginnt? Was geben die anderen?, steht da plötzlich jemand und sagt nicht:
„Was bekomme ich?“
sondern:
„Was mache ich mit dem, was da ist?“
Das ist ziemlich nah an jener Selbstermächtigung, die du vor einigen Tagen gespürt hast. Nur heute vielleicht in einer stilleren Form.
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